Das zweite Gesicht
Erschreckt zuckt Elke zusammen, als die Türe mit einem metallischen Schnappen zufällt. Hat Johannes Rebosch erst jetzt die Praxis verlassen? Waren nicht schon mehrere Minuten verstrichen, seit er aus dem Beratungszimmer gestürmt war? Vielleicht täuscht sie ihr Zeitgefühl, sie ist ohnehin schon seit Tagen unruhig und angespannt, schläft schlecht und reagiert schnell gereizt. Rebosch war für heute der letzte Psychotherapie-Klient gewesen, er besteht immer auf dem spätmöglichsten Termin.
Dieser Mann beunruhigt Elke, etwas Bedrohliches geht von ihm aus – oder bildete sie sich das doch nur ein? Irgend etwas scheint mit diesem Klienten nicht zu stimmen, seit der ersten Sitzung mit ihm ist sie von einer bedrückenden Ahnung erfüllt, wenn sie über ihn nachdenkt.
Während Elke zum Aktenschrank geht und die Aufzeichnungen wie jeden Abend einschließt, kreisen ihre Gedanken um diesen Mann. Sie kann Johannes Rebosch einfach nicht einschätzen, hier scheint sie mit all ihrer Erfahrung und ihrem Wissen zu versagen, sie weiß noch nicht einmal, weshalb er zu ihr kommt. Normalerweise können ihre Klienten recht genau sagen, in welchen Bereich sie Hilfe und Beratung brauchen, ob es sich um ein Problem in der Familie, Schwierigkeiten in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz handelt. Aber auch dann, wenn sich Menschen nur mühsam und umständlich ausdrücken können, findet sie durch einfühlendes Fragen schnell heraus, was den Betreffenden belastet.
So eine seltsame Unsicherheit und Ratlosigkeit wie im Gespräch mit Rebosch hat Elke noch nie erlebt und das macht ihr Angst. Er wirkt auf eine unheimliche Art ruhig und beherrscht, doch sie hatte schon bei der ersten Sitzung überdeutlich seine innere Unruhe gespürt. Die unterdrückte Aggression schien förmlich im Raum zu vibrieren, die Spannung ergriff auch sie und eine unbestimmte Alarmstimmung breitete sich aus. Sie musste sich zusammennehmen, wollte sich nichts anmerken lassen.
„Was führt Sie zu mir?“ hatte sie betont freundlich gefragt und er hatte barsch entgegnet: „Das werden sie hoffentlich herausfinden, aber von dem ganzen Psychoquatsch halte ich gar nichts!“
„Was denken sie denn, wie ich ihnen helfen könnte, was bedrückt sie?“ „Mir helfen?“ ein höhnisches Auflachen, „wahrscheinlich gar nicht, aber vielleicht doch…“. Sie ließ ihm Zeit, hielt sein Schweigen aus, versuchte seinen scharfen lauernden Blick ruhig und gelassen zu erwidern. Seine Stimme war seltsam eintönig und farblos, anfangs kamen seine Worte zögernd und zusammenhangslos. „… Ich bin innerlich so unruhig, umgetrieben, ich muß etwas tun, das muß man doch irgendwie…, wenn ich darüber hinwegkommen will, dann…, es wird etwas passieren, ich komme nicht mehr zur Ruhe!“
Dabei saß er steif und unbeweglich, versuchte mühsam seine Erregung zu verbergen, die Hände ineinander verkrampft. Die nachfolgenden üblichen Fragen nach seiner Kindheit, dem Verhältnis zu den Eltern, Beziehungen, Schule, Ausbildung und Beruf beantwortete er flüssiger, aber so emotionslos, als hätte er es für eine Rolle auswendig gelernt. Seine Gesichtszüge wirkten starr und gespannt, keine Mimik, keine Regung. Es war erschreckend, dieser Mensch bot Elke eine Fassade, hinter der er sie nicht blicken ließ. Sie hatte vor sich eine glatte, farblose Maske – der Mann hatte kein Gesicht.
Nur seine Augen waren lebendig, glitzerten metallisch kalt, schienen vor unterdrücktem Zorn zu glühen. Verschlagenheit war in seinem Blick aufgeflackert, als er sie mehrmals mit seltsam veränderter Stimme durch überraschende Fragen nach persönlichen Erlebnissen aus dem Konzept brachte. – „Und Sie? Können Sie sich an ihre erste Liebe erinnern?“ „Schulzeit, ja, war die Abschlussklasse bei Ihnen auch etwas ganz besonderes?“ jetzt wirkte er wortgewandt und gar nicht mehr so unbeholfen, die Formulierung war immer eigentümlich treffsicher. Er schien sie bewusst verwirren oder ängstigen zu wollen. Was hatte man ihm angetan, wofür er sich an ihr rächen wollte? Projizierte er sein Feinbild auf sie, weil eine andere Frau ihn furchtbar verletzt hatte? Das wäre nichts Ungewöhnliches, damit könnte sie umgehen. Aber warum konnte sie bei Rebosch den Eindruck nicht abwehren, dass er sie persönlich meinte?
Merkwürdig, wie er nur auf einen bestimmten kurzen Abschnitt einging. Es betraf nur die Zeit seines Schulabschlusses 16-jähriger. Und immer wieder strich er sich dabei betont langsam über das linke verstümmelte Ohr. Sosehr sie sich auch bemühte, nicht auf den vernarbten und verkrüppelten Knorpel zu starren, diese Bewegung zwang sie geradezu hinzusehen. Und auch auf die Narben am Haaransatz, die zusammengezogene gespannte Haut der linken Gesichtshälfte. War das Absicht?
Vorsichtig lenkte sie das Gespräch auf Erlebnisse aus dieser Zeitspanne, fragte nach Lehrern, Beziehungen zu Mädchen – und hielt damit die Lunte an ein Pulverfass.
Er hatte das Gespräch sofort abrupt abgebrochen, war unbeherrscht wütend aufgesprungen. Die unnatürliche Maske seine Gesichts hatte sich unvermittelt furchterregend vor Hass verzerrt als er ihr entgegenschleuderte: „Das ganze Gelaber hier ist Quatsch, willst Du mir etwas von verdrängten Erinnerungen einreden, weil du dich selber mit Verdrängung am Besten auskennst? Schön den Blick nach vorn während andere hinter Dir verrecken können!“ Mit drei wütenden Schritten war er bei der Tür und riss sie zornig auf, hielt mitten in der Bewegung inne, stand ganz still und drehte sich nach einigen Sekunden langsam um. Fixierte sie mit glühendem Blick und sagte gefährlich leise: „Schöne Psychologin, weißt gar nichts von dem, was Du angerichtet hast. Keine Sorge, Du wirst es nachfühlen können – dann geht’s mir besser, und das ist schließlich auch ‚professionelle Hilfe’!“ Mit einem gehässigen Auflachen war er gegangen, hatte die Tür zugeworfen, ließ sie schockiert und zitternd zurück.
Elke hat schon viele jähzornige Ausbrüche erlebt, ein „reinigendes“ Gewitter oft sogar regelrecht herausgefordert und dabei auch persönliche Beleidigungen ausgehalten. Wußte sie doch immer, dass sie damit die nötige Erleichterung für den Klienten herbeigeführt hatte und nur als Zielscheibe eines reinigenden „Dampfablassens“ fungierte.
Dieses Mal richtete sich der Angriff aber gegen sie ganz persönlich, sie spürt eine unmittelbare Bedrohung. Dieser gefährliche kalte Hass gilt ihr. Schulzeit, Verdrängung, angerichtet… die Satzfetzen mit diesen Worten kreisen unaufhörlich hämmernd hinter ihrer Stirn.
Wer ist Johannes Rebosch? Sie kennt weder sein Gesicht noch seinen Namen. Seine unvermittelten Fragen aber haben sie aufgewühlt, weshalb fragte er nach ihrer Abschlussklasse, warum nach der „ersten Liebe“? Was hat er verdrängt, was wirft er ihr vor, zu verdrängen? Wer hatte ihm etwas Furchtbares angetan und weshalb traf sie sein Hass? Sie versucht sie an ihre Mitschüler zu erinnern, es gab keinen Johannes und der Name Rebosch sagt ihr gar nichts.
Gedankenfetzen flirren ihr durch den Kopf, bleiben an einer Stelle hängen. Erste Liebe. Das war Matti aus dem Handballverein gewesen. Elke war anfangs sehr zurückhaltend gewesen, weil sie erst kurz zuvor einen hartnäckigen Verehrer abwehren musste.
Blitzartiges Erkennen: Verehrer, unerwiderte Liebe, Hannes! Hannes Schober. Rebosch – Schober, er hatte nur die Buchstaben umgestellt!
Hannes, ihr Klassenkamerad. Hoffnungslos in sie verliebt und ein Ass in Mathe. Hausaufgaben abschreiben gegen einen Kuss, Spickzettel zuschieben bei der Arbeit, er hätte alles für sie getan und sie hat ihn gründlich ausgenutzt. Es lag ihr nichts an ihm, er war langweilig und hatte Pickel – aber sie stand in Mathe auf der Kippe. Er half ihr gerne und sie spielte mit ihm. Nahm seine Geschenke an und ging mit ihm ins Kino. Und lachte ihn aus, als er ihr seine Liebe gestand. Ließ ihn fallen und sah sich nicht mehr nach ihm um, er war nur noch lästig mit seinen schmachtenden Blicken und Liebesbriefchen.
Elke war damals 16 gewesen, wusste noch nichts von Liebe und Liebesleid.
Sie hatte sich nicht mehr dafür interessiert was aus ihm wurde, Anderes wurde wichtiger, Disco, Flirts.
Sie hatte kaum hingehört, als man über ihn zu reden begann. Er kam oft tagelang nicht zur Schule – angeblich war er krank – und es gab immer wieder Gerüchte: er sei verhaltensauffällig und gestört, er sei psychisch labil, er sei gewalttätig geworden, er sei wegen Depressionen in Behandlung.
Das Schlimmste in dieser Zeit war für Elke, dass sie ihren Wohnort ganz plötzlich verlassen musste, obwohl der Umzug für einen späteren Zeitpunkt geplant war. Es war eine schwierige und turbulente Zeit, eine neue Schule kurz vor dem Abschluss, Renovierung der Wohnung und alle Kontakte mit den Freundinnen waren abrupt abgerissen.
Es gab da noch die dunkle Erinnerung an ein Unglück in ihrer Heimatstadt. Was genau passiert war, hat sie nie erfahren, denn sie waren sofort danach umgezogen,
Sie versuchte sich zu erinnern, das Unglück war am einem Ostersonntag geschehen, sie hatte am Dienstag am Zeitungs-Kiosk im Vorbeigehen die Überschriften gelesen und sie waren schon mittwochs zur neuen Wohnung gefahren. Warum sie das Umfeld so überstürzt verlassen mussten, das hatten ihre Eltern mit einer Schikane des bisherigen Vermieters erklärt. Sie war wütend gewesen und traurig, verstört und unglücklich, hatte sich bockig zurückgezogen und nicht weiter gefragt.
Was waren es bloß für Schlagzeilen gewesen, die ihr damals zwar aufgefallen, aber nicht wichtig erschienen waren?
„…vor den einfahrenden Zug gestürzt…“, „…schwerste Gesichtsverletzungen…“, „…lebensbedrohlicher Zustand…“, „ …Selbstmordversuch aus Liebeskummer…, 16-jähriger Schüler…;“
Grauen und Panik ergriffen sie, als die Bruchstücke sich vor ihren Augen zusammenfügten.
Liebeskummer. Gesichtsverletzungen. Narben und ein verstümmeltes Ohr. Lähmendes Entsetzen, kein klarer Gedanke zu fassen, sie strudelt in den Sog der grausigen Erkennens. Was es Hannes gewesen, der sich umbringen wollte und doch schwerverletzt überlebt hatte, für immer entstellt? Hannes, der sich jetzt grausam an ihr rächen wollte für ein zerstörtes Leben?
Ihre Praxis liegt am Bahndamm, in einem zu dieser Zeit völlig leeren Bürogebäude. Hat er vorhin die Praxistür von innen geschlossen um sein Weggehen vorzutäuschen und wartet nun im Vorraum auf sie? Im Treppenhaus oder am Bahnhof? Sie wird wie immer mit dem Zug nach Hause fahren und abends ist die kleine Station nicht belebt.
Ihre Beine geben nach, Panik lähmt sie. Elke sinkt neben dem Aktenschrank in sich zusammen, unfähig zu denken und vernünftig zu reagieren. Sie hockt am Boden, merkt nicht, wie lange schon und weiß, dass sie endlich handeln muß. Sie könnte ein Taxi bestellen und den Fahrer nach oben bitten oder soll sie doch besser gleich die Polizei anrufen? Nein, vielleicht spielt ihr ihre überreizte Phantasie doch nur einen üblen Streich und sie macht sich zum Gespött. Sie greift nach dem Telefon auf dem Schreibtisch, ohne sich aufzurichten und wählt die Taxi-Zentrale. Das Telefon ist tot, kein Amt! Mit zitternden Fingern versucht sie es noch mal. Keine Verbindung. Entsetzen breitet sich in ihr aus, sie kann nur noch hier sitzen und warten auf die grausige Rache eines psychisch kranken Mannes.
Endlose Stunden vergehen, sie spürt ihren verkrampften Körper nicht mehr. Es ist hell geworden, in den Büros unter ihrer Praxis beginnt die Alltagsarbeit, ein ganz normaler Tag hat angefangen, es ist ihr nichts geschehen.
Grenzenlos erleichtert erhebt sie sich mühselig. Sie hat sich in eine Hysterie hineingesteigert, hat Gespenster gesehen. Es ist einfach nur lächerlich und am Besten ist es tatsächlich, über sich selbst zu lachen.
Es klopft an der Eingangstür, Elke öffnet und sieht sich zwei Polizisten gegenüber.
„Alles in Ordnung? Haben sie nichts bemerkt heute Nacht?“ Einer der beiden zeigt auf den Balkon am Beratungszimmer, am Gitter hängt ein Stück Seil. „Zwischen 4.00 und 5.30 Uhr hat ein Mann versucht, über die Fassade zu ihrer Praxis hochzuklettern. Seine Leiche wurde heute früh vor dem Haus gefunden.
Reto Steinrich

